Biodiversität - geht mich das was an?
Biodiversität - geht mich das was an?
Biodiversität oder Artenvielfalt ist ein heiß diskutiertes Thema, das von den Medien immer häufiger aufgegriffen wird. In-Cosmetics-Beraterin Imogen Matthews erläutert in COSSMA 1-2/2010, was der Begriff für den Kosmetikverbraucher bedeutet und warum die Branche in Zukunft mit ihm rechnen muss.

Von den Vereinten Nationen wurde das Jahr 2010 zum Internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Rund um den Globus setzen sich Menschen dafür ein, den Reichtum der Natur zu erhalten und den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen. Eduardo Escobedo, Beauftragter der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) für wirtschaftliche Fragen, Biodiversität und Klimawandel, vertritt die Auffassung, dass das Thema Biodiversität noch nicht genügend im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. „Obwohl Biodiversität ein so wichtiges Thema ist, steht sie immer noch nicht auf der Agenda. Artenvielfalt ist für den Verbraucher ein neuer Begriff, für den man sich zwar interessiert, der einen aber nicht direkt betrifft.”

Die UNCTAD möchte anhand der Branchen Mode und Kosmetik exemplarisch zeigen, dass der Artenschutz auch eine große wirtschaftliche Bedeutung hat. „Diese Strategie bietet der Kosmetikindustrie die Gelegenheit, dem Verbraucher die Problematik deutlicher zu machen“, hofft Escobedo. „Wir möchten, dass der Verbraucher den Unterschied zwischen den Themen Natur/Bio und Artenvielfalt
versteht und begreift, dass Biodiversität für beide Bereiche von Bedeutung ist.” In diesem Jahr wird die UNCTAD mit den Regierungen Gespräche führen, um Gesetzgebung und konkrete Maßnahmen im Interesse des Artenschutzes voranzubringen.


Trend mit wachsender Bedeutung

Die Marktforscher von Organic Monitor sehen Biodiversität noch nicht als Schlüsseltrend für die Kosmetik und Körperpflegemärkte, erwarten aber eine zunehmende Bedeutung, da ethische Maßstäbe beim Konsumverhalten eine immer größere Rolle spielen. „Allerdings wird die Akzeptanz kaum die Dimensionen der Natur- und Biokosmetik erreichen“, schätzt Amarjit Sahota von Organic Monitor – lediglich 40 bis 60 Unternehmen sind Mitglieder der Union for Ethical BioTrade (UEBT), während bereits über 8.000 Hersteller Ecocert-zertifiziert sind. „Das liegt daran, dass der UEBT-Standard auf Rohstoffherkunft und Biodiversität basiert, während Natur- und Biokosmetikstandards auf Inhaltsstoffe, Herstellungsprozesse und Kennzeichnung achten“, erläutert Sahota. Der UEBT-Standard berücksichtigt nur einen einzigen Nachhaltigkeitsaspekt, während Natur-, Bio- und Fair-Trade- Standards das Thema Nachhaltigkeit weiter fassen.

Bei den Marketingtrendpräsentationen auf der diesjährigen In-Cosmetics in Paris findet eine Podiumsdiskussion darüber statt, wie das Thema Biodiversität die Kosmetikbranche verändern wird. „Die Hersteller sollen zu einer Diskussion über das Thema angeregt und Marketinganbietern und Wissenschaftlern sollen Tipps gegeben werden, was Biodiversität für die Formulierung von Kosmetika, für Innovation und Gesetzgebung bedeutet“, erläutert Escobedo.

An der Diskussion nimmt auch die Union for Ethical BioTrade teil, eine der wenigen Initiativen im Bereich Biodiversität und Kosmetik. Sie wird die zweite Ausgabe des Ethical BioTrade Barometer präsentieren, das das Verständnis der Verbraucher von Biodiversität und ihr Interesse an den ethischen Biodiversitätsstandards von Kosmetikherstellern verfolgt. Die erste Befragung von 4.000 Verbrauchern in Frankreich, Deutschland, England und den USA im April 2009 sollte das Verständnis des Biodiversitätskonzepts und die Wahrnehmung der Bedeutung von Kosmetik- und Körperpflegeherstellern für die Artenvielfalt erfassen.

Von den Befragten hatten 56 Prozent von dem Begriff Biodiversität gehört, aber nur ein Drittel konnte ihn definieren. Es gab Verwechselungen mit anderen Nennungen wie Bioanbau und nachhaltiger Entwicklung, aber die Ergebnisse zeigen, dass sich ein echtes Verständnis des Begriffs entwickelt. Das Barometer für 2010 umfasst auch Brasilien und Japan.

Die Mitgliedsfirmen des Verbandes verpflichten sich zur graduellen Einführung von ethischen Biodiversitätsstandards für die Nutzung von Rohstoffen – eine Verpflichtung, die extern verifiziert wird. Zu den Mitgliedern gehören Serdex, eine Tochter von Bayer Santé Familiale, und Aldivia, während sich Hersteller wie Silab von dritten Parteien begutachten lassen. Ethische Biodiversitätsstandards für die Nutzung von Rohstoffen umfassen soziale und Artenschutzaspekte. Einer der Gründungsmitglieder der Union for Ethical BioTrade ist der brasilianische Kosmetikhersteller Natura Cosmetics, der ein strategisches Projekt gestartet hat, mit dem er den Aktivposten Biodiversität als Geschäfts- und Innovationsplattform nutzt. Als brasilianisches Unternehmen kann Natura die Artenvielfalt Brasiliens mit seinen sieben verschiedenen Biomen, 10 bis 20 Prozent der gesamten Pflanzenwelt und 12 Prozent der globalen Süßwasservorkommen direkt nutzen.

Naturas Ekos-Linie wurde nach Biodiversitätsprinzipien entwickelt, aber auch die Bedürfnisse des Verbrauchers spielen für das Unternehmen eine entscheidende Rolle. So muss z.B. die Nutzung von Rohstoffen wie Paranuss, Breu branco, Murmuru und Andiroba ökologische Bedingungen berücksichtigen. Dazu gehört auch die Beteiligung der Gemeinden, die die Rohstoffe liefern, sowie die Sicherstellung einer nachhaltigen Produktionskette. Das erfordert nicht nur spezifisches Knowhow, sondern auch die Fähigkeit, Partnerschaften mit Gemeinden, Kooperativen, NGOs, Forschungszentren, Universitäten, Privatunternehmen und Regierungsstellen zu schmieden.

Organic Monitor glaubt, dass führende Zertifizierungsinstitute für Natur- und Biokosmetik allmählich Elemente des Biodiversitätskonzepts in ihre Standards übernehmen werden. „Wir beobachten das bereits bei den Fair-Trade-Standards, wie z.B. bei Ecocert, das einen Fair-Trade-Standard für Biokosmetik eingeführt hat“, erläutert Sahota. „Auch Soil Association entwickelt einen ethischen Fair-Trade-Standard. In beiden Fällen werden Produkte als ,bio’ und ,fair gehandelt’ zertifiziert. Da Biodiversität und ethische Nutzung immer wichtiger werden, erwarten wir, dass Zertifizierungsstellen solche Aspekte zukünftig in ihre Standards mit aufnehmen.” Die Union of Ethical BioTrade nimmt an der UNCTAD-Veranstaltung auf der In-Cosmetics teil und wird einen exklusiven Einblick in die Ergebnisse ihres 2010-Barometers präsentieren. Am 16. April 2010, also am Tag nach der In-Cosmetics, veranstaltet die Union for Ethical BioTrade außerdem eine eintägige Konferenz zum Thema „Ethische Nutzung der Artenvielfalt“.

Weitere Informationen zur Podiumsdiskussion über Biodiversität und zur Teilnahme an den In-Cosmetics-Trendpräsentationen in Paris vom 13. bis 15. April finden Sie unter www.in-cosmetics.com

Autorin: Imogen Matthews (In-Cosmetics-Beraterin, Oxford), Artikel erschienen in: COSSMA 1-2/2010, www.cossma.com

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