Erfahrungsbericht Alzheimer - Wie will ich noch leben - wie sterben?
Erfahrungsbericht Alzheimer - Wie will ich noch leben - wie sterben?
Das Buch bietet einen sofortigen Einstieg in die Thematik Alzheimer. In der Geschichte des Schweizer Ehepaares Anna und Gustav liefert die Autorin einen eigenen, authentischen Bericht über die letzten gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann.
Erfahrungsbericht Alzheimer - Wie will ich noch leben - wie sterben?
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Einleitende Thematik

Es wird der Eindruck vermittelt, dass Gustav und Anna eine langjährige zufriedene Partnerschaft verbindet, auf Wünsche wird respektvoll eingegangen. Gustav hielt als Pfarrer und Psychotherapeut selbst nach seiner Pensionierung noch gerne Vorträge, weil dies immer schon zu seinen Leidenschaften zählte.
Als er bei einem Vortrag plötzlich Probleme bekommt, da er die Reihenfolge nicht mehr einhalten kann und nicht weiß, was er bereits vorgetragen hat, entschließt sich Gustav, einen Arzt aufzusuchen.


Jahresberichte von Gustav

Diagnose und das 1. Jahr der Erkrankung
Nach mehreren Untersuchungen bei unterschiedlichen Ärzten erhielt das Ehepaar eine tragische Diagnose: Gustav leidet an Alzheimer. Er erhielt Medikamente, welche die Krankheit zwar bremsen, nicht jedoch stoppen konnten. Bekannte und Verwandte konnten nicht glauben, dass dieser gebildete Mann an Alzheimer leidet. Sie assoziierten diese Erkrankung mit Bettlägrigkeit und Pflegebedürftigkeit. Gustav beschäftigte sich mit seiner Erkrankung und nahm sie auch sehr bewusst war. Er las das Buch von Dr. G. Krämer „Alzheimer-Krankheit“. Auf der einen Seite wollte Gustav nicht auffallen „Meine Frau muss so glänzen, damit Glanz auf mich fällt“, auf der anderen Seite fühlte er sich auch zeitweise übergangen „ihr habt nichts anderes zu tun als mich zu fördern“. Das Ehepaar liebte es zu reisen. Der einzige Unterschied war nun, dass Anna am Steuer saß. Gustav hatte erste Probleme, sich aktuelle Dinge zu merken. Vergangenes war klar in seinem Gedächtnis.

Das 2. Jahr der Erkrankung
Gustav war sehr an Kunst interessiert und besuchte nach wie vor auch alleine diverse Museen. Allerdings musste er sich in einem Katalog daheim das Gesehene wieder in Erinnerung rufen. Anna hielt zu ihm, sie wiederholte bereits geschilderte Tatsachen und gab ihm nie das Gefühl, er würde etwas nicht mehr verstehen. Kamen Freunde oder Bekannte zu Besuch, luden sie nur mehr maximal zwei Personen ein, da Gustav dem Gespräch sonst nicht mehr folgen konnte.

Das 3. Jahr der Erkrankung
Gustav und Anna suchten bereits vor Jahrzehnten „Exit“ auf, eine Vereinigung mit über 50.000 Mitgliedern in der Schweiz, die Ansprechpartner bei Patientenverfügungen sowie Freitodbegleitung sind. Anna und Gustav hatten bereits vor etwa 30 Jahren eine Verfügung bei der Organisation EXIT gemacht. Sie hatten sich bereits damals schon entschieden, alle lebensverlängernden Maßnahmen im Falle einer schweren Erkrankung oder eines schweren Unfalls abzulehnen. Nun wollte Gustav sterben, solange sein Verstand dazu noch intakt war. Er wollte nicht wie zwei Familienmitglieder jahre- oder jahrzehntelang im Pflegeheim „dahinvegetieren“. Er wollte sozusagen seinen Tod vorbereiten. Seine Frau verstand das und unterstützte ihn. Voraussetzung für sein Vorhaben war eine regelmäßige Kontrolle seiner Urteilsfähigkeit durch einen Arzt. Im Zustand starker Demenz könnte Gustav nicht mehr selbst entscheiden.

Das 4. Jahr der Erkrankung
Gustav fühlte sich von seiner Krankheit „aufgefressen“. „Wo einst das Lied, ist der Jammer“ so ein Zitat von Gustav.

Das 5. Jahr der Erkrankung
Gustav konnte nun kaum mehr lesen, immer schlechter schreiben und nur mit Mühe sprechen. Seine täglichen Notizen schrieb jetzt Anna für ihn, während er diktierte. Gustav liebte es zu lesen und zu schreiben, durch litt sehr stark an den Einschränkungen durch seine Erkrankung. Da er in der Gesellschaft nun immer öfter umgangen wurde, indem die Mitmenschen für ihn sprachen oder handelten, fühlte sich Gustav mehr und mehr unwohl. Ein ernstes Gespräch mit „Exit“ über seinen Zustand folgte.

Das 6. Jahr der Erkrankung
Gustav schrieb seinen letzten offiziellen Brief. Dieser richtete sich an eine Ärztin, die er um Einschätzung seines Zustandes bat. Die Ärztin wollte Gustav von seiner Absicht, sein Leben an einem festgesetzten Zeitpunkt zu beenden, abbringen. Gustav formulierte darauf „Es ist so, es kommt keine Zukunft mehr hinzu“. Der Besuch seiner Cousine, die seit 10 Jahren wegen Alzheimer im Pflegeheim lag, verstärkte zusätzlich seinen Willen. Obwohl Gustav noch eine gute Orientierung hatte, verstärkte sich seine Angst, bald nicht mehr richtig sprechen zu können. Einige Monate besuchte er einen Psychotherapeuten, der ihm allerdings nur anfangs weiterhelfen konnte. Gustav war ein sehr aktiver Mensch, jeden Tag fragte er seine Frau, welche Aktivitäten denn heute geplant seien. Da lesen und schreiben nun nicht mehr ging, unternahmen sie verstärkt Wanderungen oder arbeiteten gemeinsam in ihren Garten. Beim Holz hacken hatte Gustav allerdings das Gefühl, „es nicht mehr zu packen“. Nach einem Kreislaufkollaps im Sommer, von dem Gustav sich jedoch schnell erholte, bat er seine Frau abermals, keine lebensverlängernden Maßnahmen bei ihm einzusetzen. Sie versprach es. In diesem Jahr unternahmen sie noch eine Reise in Gustavs Lieblingsstadt, Rom. Er hatte dort in seiner Jugend ein halbes Jahr studiert und konnte Anna noch alles zeigen. Italienisch reden konnte er allerdings nicht mehr. Die Angst vor dem Sprachverlust war so groß, dass Gustav eine Neuropsychologin aufsuchte, um wieder sprechen zu lernen. Nach anfänglichem Übermut zeigte sich allerdings, dass keine Besserung mehr möglich war.

Das 7. Jahr der Erkrankung
Eines Morgens vergaß Gustav kurz den Namen seiner Frau und seiner Kinder und der Ort, an dem er schon Jahrzehnte lebte, kam ihm fremd vor. Er erschrak. Als seine Frau einmal mit einer Freundin im Theater war, hatte Gustav Angst so ganz alleine. Von nun an nahm Anna ihren Mann einfach überall hin mit. Sie gab ihm auch ein Foto von ihr, damit er es immer bei sich trug und sich erinnerte.

Das letzte Lebensjahr
Gustav und Anna fuhren gemeinsam für zehn Tage in einen Skiort zum Langlaufen. Das bei ihnen so beliebte Tanzen am Abend war nur mehr mit großen Anstrengungen möglich. Der verschlechterte Zustand von Gustav führte zu weiteren Gesprächen mit Ärzten und dem Sterbebegleiter von „Exit“. Es wurde nun ein Monat für das Sterben festgelegt, der Juni. Im Mai fuhr das Paar noch ein letztes Mal nach Italien und Anna kam es so vor, als würde Gustav sich von allen verabschieden. Das Vergessen und die Unsicherheit wurden bei Gustav nun immer größer. Seine Frau half ihm beim Erinnern und er war sehr dankbar. „Ich bin nur noch ein Teil von mir“

Sie entschieden, mit dem Sterben noch zu warten und noch einen letzten Sommer zu verbringen.

Gustav und Anna besuchten auf Gustavs Wunsch ein Alzheimer-Pflegeheim, in dem er vor Jahren ein Seminar gehalten hatte. Der Leiter des Pflegeheims war von Gustavs Plänen sehr betroffen und auch er wollte ihn umstimmen. Beim Gehen sagte der Heimleiter leise zu Anna, sie könne doch ihren Mann für eine Woche „hier lassen“ und ein bisschen auf Urlaub fahren, dass würde ihr gut tun. Verärgert antwortete Anna, sie würde wenn dann nur mit ihren Mann auf Urlaub fahren. „Vergesst das mit Exit, bei Demenz geht das nicht“ war die nächste Aussage des Heimleiters. Anna war sehr verärgert und versprach ihrem Mann ein weiteres Mal, ihm seinen Willen zu lassen.

Das Ehepaar fuhr nach Bern ins Zentrum von Paul Klee sowie in die Stiftbibliothek St. Gallen und erfreute sich der dortigen Kunst. Als sie gingen sagte Gustav zu Anna: „Fertig, es isch fertig“.

Gustav vereinbarte mit seinem Psychiater und seiner Familie, daheim sterben zu wollen. Das Sterbedatum wurde nun festgelegt. Beim letzten Besuch des Psychiaters vor dem Sterbetermin folgte die Erklärung über das Auflösen des Barbiturats in Wasser, mit welchem Gustav dann sterben würde. Fünf Tage vor seinem Tod bekam Gustav Angst, seine Frau, ein befreundeter Pfarrer und ein Psychotherapeut halfen ihm bei der Verarbeitung.

Abschied
Gustav und Anna unternahmen einen letzten Spaziergang. Gustav fragte Anna, ob sie noch eine Woche warten sollen, doch Anna bestärkte ihn, an seiner lebenswichtigen Entscheidung nicht zu zweifeln. In einer Woche könnte seine Urteilskraft bereits so schlecht sein, dass der Freitod nicht vollzogen werden kann.

Zum geplanten Sterbetermin erschienen der Psychiater und der Sterbebegleiter. Gustav nahm das Barbiturat im Schlafzimmer mit einem Glas Wein ein, nur seine Frau war anwesend. Daraufhin schlief er ein und starb. Nachdem alles rechtlich und gesetzeskonform abgeklärt war, konnte Gustav, wie es sein Wunsch war, vor Beginn eines unselbstständigen Lebens in Frieden ruhen.


Zur Autorin

Ruth Schäubli-Meyer wurde 1930 geboren und ist gelernte Erwachsenenbildnerin. Seit fünfzehn Jahren arbeitet sie außerdem als Psychologin in eigener Praxis. Ihr Mann wurde 1928 geboren und war Pfarrer und Psychotherapeut. Nachdem bei ihm Alzheimer diagnostiziert wurde, entschied er sich für den begleitenden Freitod und schied 2005 mit Hilfe der Schweizer Organisation Exit aus dem Leben, nachdem er sieben Jahre lang an Alzheimer gelitten hatte.

 

Alzheimer: 
Wie will ich noch leben - wie sterben?

Ruth Schäubli-Meyer
Oesch Verlag, 64 Seiten

 

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Autorin: Mag. Vorauer Nicole

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