Sucht und Abhängigkeit - Krankheit oder schwache Willensstärke?
Wer von uns sehnt sich nicht nach Genuss, physischer und seelischer Harmonie, Zufriedenheit in seinem Leben? Doch leider führt uns dieser Wunsch manchmal in eine falsche Richtung, und so kann manch einer Abhängigkeiten entwickeln, im Glauben die angestrebten positiven Gefühle gefunden zu haben.
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Suchen oder siechen?
Die Wörter „Sucht“ und „Abhängigkeit“ sind Synonyme in der Umgangssprache, jedoch wird der Begriff „Sucht“ heute öfter im Zusammenhang mit „Missbrauch“ benutzt. Vielleicht hilft die Etymologie des Wortes „Sucht“, seine Bedeutung besser zu verstehen. „Sucht“ (germ. suhti-, ahd. suht, suft, mhd. suht) geht auf das Verb „siechen“ (ahd. siuchen, mhd. siuchan) zurück, das „leiden an einer Krankheit“ bedeutet (engl. to sick). So ist dieses Wort linguistisch nicht mit dem Verb „suchen“ verwandt. Es erscheint einem jedoch logisch, die beiden Wörter miteinander in Zusammenhang zu bringen, denn Ausleben einer Sucht ist schließlich nichts anderes, als die Suche nach einem Ersatz für fehlende Lebensinhalte.

Arten der Sucht
Eine Sucht kann sehr verschiedene Formen annehmen. Süchtig werden kann man nicht nur nach bestimmten Stoffen und Substanzen, sondern auch nach Verhaltensweisen. Abhängigkeiten lassen sich in die so genannten stoffgebundenen Süchte, solche wie: Alkoholsucht, Nikotinsucht, Drogensucht, Esssucht/Magersucht etc. und die nichtstoffgebundenen Süchte, wie Liebessucht, Spielsucht, Arbeitssucht, Sexsucht etc. einteilen.

Wie entwickelt sich Sucht?
Es ist kein Geheimnis, dass ein zufriedener und glücklicher Mensch in der Regel keine für sich schädlichen Angewohnheiten entwickelt. Es liegt also nahe, dass Menschen, die zu psychologischen Problemen neigen, eher süchtig werden können, als „psychisch gesunde“ Menschen. So sind es Ängste, Komplexe und Mangel an Selbstbewusstsein, die einen dazu verleiten, nach einem „Doping“ im Leben zu suchen. Der eine greift zur Zigarette im Glauben, sich dadurch in einer stressigen Situation etwas Ruhe zu verschaffen. Der andere trinkt regelmäßig ein - zwei Gläschen Wein, um sich danach entspannter zu fühlen. Der dritte bildet sich ein, dass er nur durch einen bestimmten Menschen glücklich sein kann und macht seine Existenz zu einziger Abhängigkeit.
Solche Beispiele gibt es jede Menge, genau so wie Gründe, die sich „Siechende“ ausdenken, um die eigene Willensschwäche zu rechtfertigen. Durch die positiven Gefühle, die die Befriedigung der Suchtbedürfnisse hervorruft, entwickelt sich im Gehirn die so genannte „bedingte Reaktion“. Diesen Begriff erarbeitete der russische Verhaltensforscher Ivan Pavlov Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen zahlreichen Experimenten an Hunden. So maß er die Intensität des Speichelflusses eines Hundes als Reaktion auf bestimmte Reize. Dem Hund wurde beispielsweise ein Reiz in Form von Stück Fleisch vorgesetzt, woraufhin er den angeborenen Reflex (Speichelfluß) zeigte. Auf das Läuten einer Glocke zeigte der Hund dagegen keinerlei Reaktion, außer einer gewissen Neugier. Pavlov kombinierte die beiden Reize, worauf der Hund genauso mit Speichelfluß reagierte. Nach mehrmaligem Wiederholen dieser Reizkombination reagierte der Hund bereits auf das Glockenläuten mit Speichelfluß.
Nach demselben Muster formt sich auch eine Abhängigkeit im menschlichen Gehirn. Wird einmal der Gedanke zugelassen, dass beispielsweise Rauchen, Alkohol oder Ähnliches einen besonderen Erlebniszustand verheißen, speichert das Gehirn automatisch diesen Zusammenhang. Als Folge entwickelt sich ein Wiederholungsbedürfnis, das innere Leere und Missbefinden ausbalancieren soll.
Ist Sucht nun eine Krankheit oder nur Willensschwäche? So einfach kann man diese Frage jedoch nicht beantworten. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen unter dem Leistungsdruck unserer Gesellschaft zu süchtigem Verhalten neigen, ist nicht zu verkennen. Natürlich ist es ein Unterschied, ob jemand ein eingefleischter Raucher oder heroinabhängig ist. Denn jede Suchtform wirkt auf ihr Opfer in einer mehr oder weniger destruktiven Weise.

Wege aus der Suchtfalle
Um sich von einer Abhängigkeit zu befreien, sollte man als erstes bestimmte Verhaltensmuster ändern. Sobald man, wie gewohnt, am liebsten dem Drängen seiner Sucht nachgeben würde, sollte man versuchen, eine Ablenkung zu finden. Schafft man es, sich auch nur ein Mal auf andere Gedanken zu bringen und so das typische Verhaltensmuster zu brechen, ist die Chance groß, dass man die Sucht mit der Zeit auch ganz besiegen könnte.
Jedoch ist diese Methode nur bei leichteren Formen oder im Anfangsstadium einer Abhängigkeit wirksam. Denn sobald sich Sucht zu einer Krankheit entwickelt, verliert sie alles Spielerische und wird von zwanghafter Abhängigkeit geprägt. In diesem Fall ist der erste und wichtigste Schritt, die eigene Abhängigkeit zu erkennen und sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Der Heilungsprozess einer Sucht kann ein langer Weg sein, aber es ist hilfreich zu wissen, dass man diesem Problem nicht alleine ausgeliefert ist. Mit Hilfe und Unterstützung von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern kann man es schaffen, wieder zu einem glücklichen und gesunden Leben zurückzufinden, zu einem Leben voller Selbstachtung, ohne Sucht und Abhängigkeit.

Autorin: Warja Khosroeva

 

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