Helen - ein Frauenporträt über die stillste aller Krankheiten
Leise und sehr langsam schleicht sie sich an, und wenn man sie bemerkt, steckt der Betroffene oft schon mittendrin: die Depression. Sie ist die häufigste der psychischen Erkrankungen und trägt trotzdem immer noch ein Stigma. Die deutsche Regisseurin Sandra Nettelbeck hat jetzt ein einfühlsames Frauenporträt über eine Betroffene gedreht.
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Helen (Ashley Judd) ist eine begabte und angesehene Pianistin und Musikprofessorin und lebt glücklich verheiratet mit ihrem Mann David (gespielt von Goran Visnjic, der Serienfans aus Emergency Room bekannt ist) und ihrer Tochter Julie (Alexia Fast) aus erster Ehe in der Vorstadt. Ein idyllisch-amerikanisches Leben, alles scheint perfekt zu sein – fast zu perfekt. Doch langsam legt sich ein Schleier über Helen, sie kann nicht mehr schlafen, flüchtet vor gesellschaftlichen Zusammentreffen, wird immer antriebsloser und als sie schließlich auch körperliche Symptome bekommt, wird bald die Diagnose gestellt: Helen leidet unter einer Depression.

Distanziert, beobachtend und trotzdem einfühlsam

Ganz nah an ihrer Hauptdarstellerin schildert Regisseurin Sandra Nettelbeck, bekannt von Bella Martha (2001), den Verlauf dieser psychischen Erkrankung, von den ersten Anzeichen, über die Einweisung in die Klinik, bis zur langsamen Besserung inklusive Rückfälle. Der Zuschauer erlebt mit, wie Helens Welt, ihr Alltagsgerüst Stück für Stück zerbricht. Dabei bleiben dramatische Ausbrüche à la Durchgeknallt allerdings aus: Die Schilderung ist nicht plakativ, lange innere Monologe über Helens Inneres werden ausgeklammert und der Zuschauer bleibt fast immer Beobachter. Dass dabei die Distanz zur Figur nicht zu groß wird, liegt an der schauspielerischen Leistung von Ashley Judd, die teilweise nur durch ihre Mimik verrät, was in Helen vorgeht – der Film lebt damit ganz klar von seiner Hauptdarstellerin. Die Bildsprache korrespondiert sehr gut mit der Erzählweise, die die Regisseurin für Helen gewählt hat. Fahle, graue Farben, verregnete Szenen und kalte Nächte auf den Dächern heruntergekommener Hochhäuser in der Großstadt spiegeln Helens Innenleben wieder.

Ein Abgrund nicht nur für die Betroffenen

Doch Nettelbeck thematisiert in ihrer ersten amerikanischen Produktion nicht nur die Krankheit, sondern auch die Konflikte, die sich daraus mit den Angehörigen ergeben. So zeigt die Deutsche die Schwierigkeiten, die in der Beziehung zwischen Helen und David entstehen. Goran Visnjic, der seine besorgten Blicke schon in der Krankenhausserie zur Genüge geübt hat, spielt den liebenden und verzweifelten Ehemann, der, nachdem er die Erkrankung seiner Frau akzeptiert hat, ständig mit der Frage nach Nähe oder Distanz zu kämpfen hat und sich bald seiner eigenen Hilf- und Machtlosigkeit stellen muss. Fast zu gut, um realistisch zu sein, tut er auch nicht, was man von einem klassischen Hollywood-Script erwarten würde: Die Szenen, in denen David mit seiner Arbeitskollegin zu sehen ist, deuten immer wieder darauf hin, dass er woanders etwas Trost finden und seine Frau betrügen könnte. Doch für ein klassisches Hollywood-Drama ist Helen eben viel zu zurückhaltend und leise.


Helen. Deutschland/USA, 2009. 119 Minuten. Regie: Sandra Nettelbeck. Mit: Ashley Judd, Lauren Lee Smith, Goran Visnjic, Alexia Fost. Jetzt im Kino.

Literaturtipp: Andrew Solomon: Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression. Fischer Verlag, 2001. ISBN-13: 978-3-596-15418-0

Autorin: Mag.a Anne Wiedlack

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