Das Märchen und der Tod - Friedhöfe verbinden Himmel und Erde
Üppig bepflanzte Gräber, stimmungsvolle Parkanlagen, fast vergessene Ecken, verwitterte Grabsteine, blühende Wiesen, imposante Bäume – auf vielen alten Friedhöfen herrscht eine verwunschene Atmosphäre, die an Märchen erinnert. Tatsächlich stehen märchenhafte Geschichten und Friedhöfe durchaus in einem Zusammenhang: Friedhöfe erinnern den Menschen an seine Vergänglichkeit und laden zur Reflexion über das Leben ein.

Märchen wiederum behandeln Grundprobleme der menschlichen Existenz und helfen dabei, Phänomene wie Leben und Tod, Liebe, Hass und Trauer zu durchleben.

Märchenerzähler

Friedhöfe als Begräbnisstätten haben heutzutage eine andere gesellschaftliche Bedeutung als der Kirchhof in alten Zeiten, der direkt neben der Dorfkirche im Zentrum des Gemeinwesens lag und dessen Besuch nach dem Kirchgang zum sonntäglichen Ritual gehörte. Durch die zunehmende Mobilität sind für viele Menschen die Gräber ihrer Angehörigen in weiter Ferne und werden selten besucht. Umso wichtiger ist es, Kindern und Jugendlichen auf eine andere Art und Weise einen Zugang zum Tod, Sterben und Friedhöfen zu ermöglichen. Als Einstieg zu diesen Fragen könnten Märchen eine Hilfe sein. Denn sie erzählen auf spannende Weise von Menschen, die in dieser Welt verschiedene Abenteuer bestehen müssen – und regen wie alle Geschichten zur Identifikation mit dem Helden an.

Sieg der Gerechtigkeit

Entsprechend der klassischen Märchenepik muss in der Handlung zuerst das Böse überwiegen, bevor letztendlich doch das Gute siegen kann. In vielen Märchen ist der Tod allgegenwärtig, er gehört zum Leben dazu, aber die Toten werden nicht vergessen. Im Gegenteil, sie üben selbst aus dem Jenseits – aus ihren Gräbern –weiterhin ihren Einfluss zum Sieg des Guten aus. Zum Beispiel im Märchen von Aschenputtel der Brüder Grimm wird der auf das Grab der Mutter gepflanzte Haselzweig zum glücksbringenden Baum, durch den die Verstorbene bildhaft weiterhin ihre mütterlich schützenden Arme ausbreitet und Aschenputtel zum Erfolg verhilft. Im Grimmschen Märchen vom Singenden Knochen ermordet der ältere Sohn seinen Bruder, um unrechtmäßig an eine Belohnung zu kommen, die der König dem Jüngeren versprochen hat. Jahre später findet ein Hirte am Sterbeort einen Knochen und schnitzt sich daraus eine Flöte, die von selbst zu singen beginnt und über den genauen Tathergang aufklärt. Der Mörder bekommt seine gerechte Strafe und „die Gebeine des Gemordeten aber wurden auf den Kirchhof in ein schönes Grab zur Ruhe gelegt“.

Diesseits und Jenseits

Andere Märchen wiederum handeln vom Fortgang des Lebens und vom notwendigen Ende der Trauer. Diese Märchen – zum Beispiel "Das Totenhemdchen" aus der Sammlung der Brüder Grimm – erzählen, wie der durch Trauer gestockte Lebensfluss wieder in Gang kommt. Der Impuls, nach einem Trauerfall das eigene Leben wieder aufzunehmen und sich vom Verstorbenen zu lösen, kommt in diesem Märchen aus einer anderen Welt, dem Reich der Toten. Diese Art von Märchen beschreibt das Ruhefinden im Diesseits und setzt die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten ins Verhältnis. Das Grab des verstorbenen Kindes weckt keine unheimlichen Assoziationen, sondern sein Grab ist der Ort – im Märchen als sein Bettchen bezeichnet – in dem es im Jenseits Ruhe findet. Märchen machen deutlich, dass der Tod und Grabstätten zum Leben dazugehören. Im Spiegel der Märchen wird deutlich: Die Toten können nur dann ihren Platz und ihren Frieden finden, wenn sich die Lebenden wieder ganz dem Leben zuwenden und dennoch die Toten in ihren Gräbern nicht vergessen.

Quelle: Grünes Presseportal
Photo: Cornelia Auer

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