Einsam oder bloß allein? - Der feine Unterschied
Allein Sein und „Sich einsam Fühlen“ sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Jeder Mensch braucht Zeit für sich: Allein Sein schenkt uns Kraft. Einsamkeit kann krank machen, setzen wir uns nicht gegen sie zur Wehr.
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Die Macht der Gewohnheit

Der Kühlschrank ist zum Bersten voll, die Küche von lautem Stimmengewirr erfüllt und während der Wäscheberg im Nebenzimmer wächst und wächst, schrillt das Telefon im Halbstundentakt. Alle sind zuhause angekommen, jeder braucht und sucht irgendetwas, zumindest ein wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung. Es wird geredet, getrunken und gegessen, womöglich werden Gläser umgekippt, es wird geschimpft, geflucht oder einfach über das Missgeschick gelacht: An Abenden in familiärer Umgebung fehlt von Einsamkeit jede Spur. Manche Menschen bräuchten ein wenig Abstand davon, ein wenig mehr Zeit für sich allein. Anderen käme diese Szenerie wie gerufen. Denn, wer isst schon gern allein? Und wer freut sich nicht darüber, gebraucht zu werden, sei es nur für einen Rat oder ein aufmunterndes Wort? Nicht zu sprechen von den Dingen, die, gemeinsam unternommen, mehr Spaß machen. Die Macht der Gewohnheit bestimmt darüber, wonach wir uns sehnen, und gelegentlich vergessen wir dabei, dass wir weder auf Gesellschaft noch auf das Allein Sein verzichten können. Hätten wir ununterbrochen Gesellschaft oder müssten wir unser Leben in Isolation verbringen: Beides würde uns verrückt machen.


Vom Nutzen des Allein Seins

Unser Wohlbefinden hängt maßgeblich davon ab, dass wir Zeit für uns selbst zur Verfügung haben. Doch es kommt weniger auf die Anzahl der Stunden an, die wir allein verbringen, sondern darauf, sie bewusst zu nutzen. Allein Sein kann Unbehagen bereiten, Gefühle und Gedanken aufkommen lassen, die im hektischen Alltag keinen Platz haben. Aus Angst vor Melancholie und Selbstzweifeln ergreifen wir oft rasch die Flucht und kehren erleichtert in die Arme der Gesellschaft zurück: Ein Gläschen Wein, ein paar gesellige Stunden mit Freunden, und die Wogen der Zerknirschung glätten sich allmählich wieder. Vorübergehend fühlen wir uns ausgeglichen. Um selbstsicher im Leben zu stehen, genügt es allerdings nicht, sich diese Sicherheit von außen zu holen. Erst wenn man allein ist, kann man sich den eigenen Ängsten und Unsicherheiten stellen und Wege finden, um sie dauerhaft zu lösen.

Allein Sein gibt uns Zeit, uns mit eigenen Interessen und Leidenschaften zu befassen, die niemand außer uns verstehen muss, aber auch Zeit, unsere Wünsche und Ziele eingehend zu betrachten, losgelöst von den Erwartungen anderer, vielleicht auch losgelöst von Stimmen, die daran zweifeln, dass sich ein bestimmtes Vorhaben in die Tat umsetzen lässt. Viel zu oft räumen wir fremden Meinungen einen zu hohen Stellenwert ein und versuchen, den Forderungen und Bedürfnissen anderer gerecht zu werden. Viel seltener hören wir auf unsere eigene Stimme, die uns verraten kann, was für uns richtig ist. Das führt gewöhnlich zu Unzufriedenheit, mitunter sogar zu Depressionen. Um solchem Missmut vorzubeugen oder um die versiegte innere Stimme wiederzuentdecken, suchen immer mehr Menschen bewusst die Einsamkeit abgelegener Orte auf: Auf stillen Waldwegen lässt es sich vermutlich leichter erahnen, ob man auch im Alltag auf einen Holzweg geraten ist.


Gemeinsam einsam

Glücklich ist, so könnte man dennoch meinen, wer viele Menschen um sich hat. Handelt es sich dabei aber um oberflächliche Beziehungen, bleibt von diesem Glück nicht viel. Man mag zwar auf den ersten Blick nicht allein sein, einsam wird man sich trotzdem fühlen, wenn niemand da ist, mit dem man sich ernsthaft über die eigenen Gedanken und Gefühle austauschen kann, ganz unabhängig davon, ob diese mit gesellschaftlich weit verbreiteten Wertvorstellungen übereinstimmen. Ähnlich verhält es sich in Partnerschaften. Schafft man es nicht, dem Partner die eigenen Wünsche und Vorstellungen aufrichtig zu kommunizieren, kommt es zu Missverständnissen, die Lebensauffassungen gehen auseinander. Schließlich fühlen sich beide auf ihre Weise vom anderen im Stich gelassen und einsam. Sein Leben gemeinsam mit anderen zu bestreiten, reicht also nicht aus, um der Einsamkeit zu entgehen. Nur wer sich von anderen verstanden, als Person angenommen und geachtet fühlt, wird keinen Grund haben, sich einsam zu fühlen. Dazu gehört allerdings auch die Bereitschaft, anderen Menschen entgegen zu kommen.


Allein und einsam

Für viele Menschen, die unfreiwillig allein stehend sind, stellt das Gefühl von Einsamkeit eine starke Belastung dar. Es ist Teil ihres Alltags. Gewöhnlich hat diese Art der Einsamkeit aber weniger mit dem Zustand des Allein Seins selbst zu tun, als mit der Überzeugung oder Angst davor, dass dieser Zustand ein bleibender ist: Wenn auch nicht für immer, so womöglich doch für eine lange Zeit. Die eigene Unsicherheit setzt sich durch und anstatt die Flucht nach vorne zu wagen, zieht man sich eher zurück und verstärkt dadurch das Gefühl der Einsamkeit. Man verursacht sich selbst psychisches Leid und setzt eine Abwärtsspirale in Gang, der man letztlich nur schwer wieder entkommt. Wer sein Leben allein verbringt, muss sich aber keineswegs einsam fühlen. Er kann mit seiner Zeit das Bestmögliche für sich anfangen, sie dazu nutzen, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sich selbst zu verwirklichen. Momente der Einsamkeit begegnen auch Menschen, die ein erfülltes Leben führen. Sich permanent mit den Nachteilen des Allein Seins auseinanderzusetzen, führt zu tatsächlicher Einsamkeit. Es hilft daher nicht, betrübt und neidvoll und zugleich vielleicht auch ein wenig stolz vom Elfenbeinturm aus nach unten zu blicken. Man muss selbst zu den Menschen gehen, will man, dass sie zu einem kommen.

 

Autorin: Mag.a Angelika Stallhofer


 

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