Jugend und Medien - gut und böse
Christian Linkers Jugendkrimi wurde als Bester des Jahres ausgezeichnet. Der Autor schildert seinen Zugang zu Jugendlichen in einer medial überfluteten Welt.

Frust gegen Becca, die sich von ihm getrennt hat, ein paar Bier zu viel, ein Handy, verbotene Fotos und ein Film per MMS verschickt sind Stoff für den Jugendkrimi des Jahres, „Blitzlichtgewitter“, der unlängst mit dem Hansjörg-Martin-Preis 2009 ausgezeichnet wurde. Handykriminalität, übermäßiger Alkoholkonsum, Handy-Slapping, sprich Körperverletzung und psychische Demütigung, die mit Handykameras gefilmt werden  – alles brandaktuelle Themen, die der Kölner Autor Christian Linker ohne erhobenen Zeigefinger gegen Jugendliche zwischen zwei Buchdeckeln presst, um aufzuzeigen, wie schnell die schöne, neue Welt der Technik und der Medien sich verselbstständigen und zum Fluch werden kann.

EnjoyLiving (EL): Woher rührt Ihr Interesse an der Wirkung der Medien auf Jugendliche?
Linker (L): Was mich bei „Blitzlichtgewitter“ angetrieben hat, war nicht das Interesse an der Wirkung von Medien. Mir ging es eher um Grundlegenderes. Als Theologiestudent bin ich den letzten Fragen des Lebens nachgegangen: Wer sind wir, woher kommen wir - und vor allem, warum? Um solche Sinnfragen geht es auch in meinen Büchern. Natürlich stellen sich Menschen jeden Alters diese Fragen, aber im Jugendalter sind sie doch besonders drängend; jedenfalls ging es mir selber so.

EL: Umgemünzt auf „Blitzlichtgwitter“ bedeutet das was?
L: In diesem Buch geht es konkret um die Frage von Schuld und Rache, ein sehr altes Thema im Grunde. Genau so wie das Thema „Bilder“ und deren Missbrauch. Schließlich, da kommt dann wieder der Theologe in mir hoch, haben die Menschen schon vor dreitausend Jahren das Gebot gekannt: Du sollst dir kein Bild machen! Das, was wir heute unter solchen Worthülsen wie „Handymobbing“ oder Ähnlichem kennen, ist letztlich ein sehr altes Phänomen: Dass man versucht, einen anderen Menschen mit Hilfe von Bildern zum Objekt zu degradieren.

EL: Oft werden Jugendliche in der Öffentlichkeit als "die böse Generation" dargestellt, die von Weg abgekommen sei und aufgrund von Alkohol und Drogen immer früher verwahrlose. Wie stehen Sie dieser medialen Darstellung gegenüber, entspricht sie wirklich der Realität?
L: Auch hier kann ich wiederum nur für Deutschland sprechen, wo es genügend Studien gibt, die eindeutig belegen, dass das Gelaber von zunehmender Jugendkriminalität und so weiter vollkommener Unsinn ist. Es muss vor allem darum gehen, selbst etwas anderes vorzuleben. Klar, viele Erwachsene finden die ganzen neuen technischen Möglichkeiten unheimlich und warnen vor Entwicklungen, die sie im Grunde nur nicht verstehen. Aber ob man einander mit Respekt begegnet und Verantwortung für sich und andere übernimmt, ist keine Frage von Technik und auch nicht von Promille. Meiner Meinung nach spiegeln Jugendliche höchstens Dinge wieder, die in der Gesellschaft ohnehin nicht in Ordnung sind.

EL: Sie haben selbst kleine Kinder. Was werden Sie Ihrem Nachwuchs in Hinblick auf das Thema Medien mit auf den Weg geben?
L: Wenn es mal so weit ist, hoffe ich, dass ich vor allem authentisch und klar sein kann, denn das finde ich wichtig: Egal, ob Eltern streng sind oder locker; sie müssen sich selber treu bleiben und für die Kinder klare und verständliche Regeln setzen.

EL: Wie steht es um Ihren eigenen Medienkonsum?
L: Handy und Internet sind feste Bestandteile meines Arbeitsalltages. Diese Medien helfen sehr, effizient und flexibel zu arbeiten. Ohne diese Dinge könnte ich kaum einen Job haben, nebenher als Autor arbeiten und zugleich ein halbwegs guter Familienvater sein.

EL: Der heutigen Jugend wird oft Perspektivenlosigkeit vorgeworfen. Wo sehen Sie jene junge Erwachsene in zehn Jahren?
L: Ich habe sehr großes Vertrauen in die heutigen Heranwachsenden. Sie müssen sich mit einer großen Vielfalt an Optionen herumschlagen, sie haben viel kompliziertere Beziehungsgeflechte als die Generationen davor, aber sie haben auch mehr Lösungsmöglichkeiten für alle möglichen Probleme. Wenn sich nicht Egoismus durchsetzt, sondern etwas Sensibilität und ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, dann können die heutigen Jugendlichen die Gesellschaft von morgen sicherlich in eine gute Zukunft führen.

Buchtipp: Christian Linker, Blitzlichtgewitter, Roman, dvt pocket, 2009

Das Interview für EnjoyLiving führte Mag.a Tina Veit.
 

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