Hildegard von Bingen - Religiöse Revolutionärin
Selbst wer mit Religion nichts am Hut hat, kennt sie vielleicht zumindest aus dem Teesortiment des Bioladens – denn Hildegard von Bingen ist heutzutage ein Inbegriff für Pflanzenheilkunde und ganzheitliche Medizin, mit dessen Label man sich gerne schmückt.
Hildegard von Bingen  - Religiöse Revolutionärin
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Doch neben ihren Kenntnissen in diesem Bereich war die Benediktinerin eine schon zu ihren Zeiten geschätzte Mystikerin, Ethikerin, Kosmologin, Predigerin und Visionärin. Mit Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen hat Margarethe von Trotta nun ihr Leben verfilmt.

Mutig, selbstbewusst und unerhört: Hildegard von Bingen war die weibliche Revolutionärin des Mittelalters. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts in Bermersheim vor der Höhe geboren, wurde sie mit nur acht Jahren in die Obhut von Benediktinerinnen gegeben, wo sie später erst Äbtissin wurde und dann sogar ihr eigenes Frauenkloster in Rupertsberg gründete – und sich damit gegen eine Vielzahl von männlichen Geistlichen durchsetzte. Selbstsicher kritisierte sie die Obersten in der Hierarchie der katholischen Kirche und ließ sich von missgünstigen Gegnern nicht beirren. In Margarethe von Trottas Vision wird diese revolutionäre Haltung von Barbara Sukowa gut repräsentiert. Sie stellt Hildegard von Bingens Widerwillen gegen festgefahrene Normen glaubwürdig dar und zeigt einfühlsam auch die verletzliche Seite, als ihre geliebte Novizin Richardis, gespielt von Hannah Herzsprung, das Kloster verlassen soll.

Station für Station

Trottas Film Vision hält, was er verspricht: Stationen „aus dem Leben der Hildegard von Bingen“. Getreu den überlieferten Texten werden Passagen aus der Biographie der Protagonistin erzählt, nur leider ohne Höhepunkt. Ein richtiger Spannungsbogen kommt damit nicht zustande. Die Geschehnisse werden angerissen und abgehakt und so bekommt der Zuschauer einen guten Einblick in das durchaus ungewöhnliche und spannende Leben der übrigens noch immer nicht Heiliggesprochenen, aber es bleibt wenig Zeit, in die Tiefe zu gehen und sich der Heldin anzunähern. Sicher ist es schwierig, eine so ereignisreiche Biographie in 111 Minuten zu quetschen, doch nichtsdestotrotz bleibt am Ende ein unbefriedigtes Gefühl, wenn der Film bei der wohl spannendsten und revolutionärsten Station, dem Beginn der Predigerreisen (für eine Frau damals unerhört), zu Ende ist.

Mehr Revolution, bitte!

Dramatische Momente birgt das Biopic genug, etwa wenn Hildegard eine ihrer Visionen hat, doch gerade wenn der Film dies formell allzu sehr betonen will, tut er damit zu viel des Guten. So hätte an manchen Stellen, die gefühlsmäßig eher erstarren lassen, auf die Dynamik vermittelnde Handkamera besser verzichtet werden sollen. Was jedoch neben den Schauspielern besonders positiv auffällt, ist die Musik, die nicht nur bei dem Theaterstück, das die Nonnen für den Besuch einer Oberin inszenieren und sie damit in höchste Empörung treiben, sehr stimmungsvoll eingesetzt ist. Und wer sich bisher nicht mit der Figur Hildegard von Bingen beschäftigt hat, lernt zumindest, dass die Geistliche mehr als eine Kräuter-kundige Nonne war.

Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen. Deutschland 2009, 111 Minuten. Regie: Margarethe von Trotta. Mit: Barbara Sukowa, Hannah Herzsprung, Heino Ferch, Lena Stolze, Mareile Blendl.

Autorin: Mag.a Anne Wiedlack

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