Gemeinsame Rituale verbinden - So schöpfen Kinder aus dem Alltag Kraft
Rituale sind so alt wie die Menschheit selbst. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen gab und gibt es Rituale. Sie sind Ausdruck unseres Bedürfnisses nach Sicherheit und Geborgenheit. Früher gehörten Rituale ganz selbstverständlich zum Alltag, erst die revoltierende 68er Generation stellte sie in Frage und versuchte sie bei der Anti-Autoritären Erziehung ganz aus dem Familienleben zu verbannen.
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Heute wissen wir, dass Rituale eine unabdingbare Stütze für Kinder sind, sie machen sie stark für die Herausforderungen des Lebens! Unser gesamter Tagesablauf ist ritualisiert. Wir stehen morgens auf, gehen ins Bad, frühstücken oder trinken nur einen Kaffee, alles in der selben Reihenfolge. Danach fahren wir ins Büro, immer die gleiche Strecke, drehen den Computer auf, beantworten vielleicht zu Beginn stets unsere Mails,…

Solche alltäglichen Rituale geben uns einerseits Sicherheit, weil wir uns darauf verlassen können und andererseits das Gefühl, dass wir selbst unser Leben gestalten. Sie halten uns aber auch den Kopf frei, indem wir unseren Alltag nicht ständig neu planen müssen, sondern unsere Gedanken auf neue Herausforderungen richten können. Wer schon einmal längere Zeit im Ausland gelebt hat, wird festgestellt haben, dass der Anfang sehr mühsam ist, weil alles neu geplant werden muss, hat sich der Alltag einmal eingespielt, wird es leichter. Gleiches gilt für alle größeren Veränderungen im Leben. Wir müssen uns erst daran gewöhnen und der Mensch ist schließlich ein Gewohnheitstier.

Kindern geht es da nicht anders. Aufgrund der geringeren Lebenserfahrung und Selbständigkeit sind Rituale für sie besonders wichtig. Der Tagesablauf wird für das Kind vorhersehbar. Es gibt enorme Sicherheit zu wissen, wann in der Früh aufgestanden wird, wann es Essen gibt, wann Papa heimkommt und wann es schlafen gehen muss. Das Kind lernt sich seinen Tag „einzuteilen“, denn auch wenn es noch sehr klein ist und die Uhrzeit nicht kennt, entwickelt es bald eine „innere Uhr“ dafür, was wann an der Reihe ist. Als zusätzliches Plus erleichern Rituale den Umgang mit Grenzen und Regeln. Es ist oft erstaunlich, wie widerspruchslos sich Kinder an Richtlinien halten, wenn sie in ein Ritual verpackt sind und Eltern ersparen sich häufige und langwierige Diskussionen. Was immer so ist, wird einfach leichter akzeptiert!

Günstige Gelegenheiten für Rituale sind die tägliche Körperpflege, die Mahlzeiten (dazu mehr im Artikel „Gemeinsames Essen stärkt das Familienbewusstsein“), Abschied und Begrüßung und das Zubettgehen. Bei älteren Kindern ist es besonders zu Beginn der Volksschulzeit auch bei den Hausaufgaben wichtig, ihnen durch ein geeignetes Ritual einen festen Platz im Tagesablauf des Kindes zu geben. So darf es beispielsweise vorher noch einen speziellen Saft trinken (gut fürs Gehirn, wenn es sich konzentrieren muss!), dann ist eine Stunde intensives Hausübung schreiben angesagt (außer es gibt Fragen) und danach wird gemeinsam eine kleine Jause (etwa geschnittenes Obst) gegessen.

Auch bei Jugendlichen sollte auf Rituale nicht ganz verzichtet werden. In einer Zeit, in der sich sogar der eigene Körper plötzlich ändert, gibt Gewohntes Halt. Allerdings ist es in diesem Alter auch besonders schwierig, liebgewonnene Rituale so beizubehealten, dass sie den Jugendlichen in seinem steigenden Autonomiebedürfnis nicht einengen und dann ganz abgelehnt werden. Eltern müssen dabei sehr feinfühlig auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen, gelingt ihnen dies, können alte und auch neue Rituale eine wertvolle Unterstützung in einer turbulenten Zeit sein.


Rituale haben jedoch auch als Übergang von einer Lebensphase in eine andere eine wichtige Funktion. Dazu zählen zum Beispiel Taufe, Heirat, Beerdigung, aber auch neuere Dinge, wie Schuleintritt, Schulabschlussfeiern oder der Führerschein. All das hilft uns, uns auf den neuen Lebensabschnitt vorzubereiten und vom alten Abschied zu nehmen.

Abschließend noch ein Wort zu Ritualen, die wahrscheinlich jedem von uns aus der eigenen Kindheit besonders in Erinnerung geblieben sind: Feste. Egal ob Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Muttertag oder ein anderes Fest, in den meisten Familien gab es dafür strenge Regeln, was den Ablauf und das Essen betrafen. Auch als Erwachsener weiß man noch genau, wie diese waren und erinnert sich gerne daran. Für Kinder sind gerade diese großen Feste eine wichtige Orientierung im Jahreskreis. Solange ein Kind nicht am Kalender nachschauen kann, sind sie die einzigen Anhaltspunkte um die Dauer eines Jahres für ein Kind überschaubar zu machen. Kinder können sich nur uneingeschränkt auf ein solch bedeutendes Ereignis freuen, wenn sie wissen, was sie erwartet. Kleine Überraschungen sind natürlich willkommen, die Struktur sollte aber beibehalten werden.

Rituale sind für unsere Leben also von großer Bedeutung und neben den zweifellos schönen und stimmungsvollen allgemeinen Ritualen, die eine Gesellschaft prägen, sind es vor allem die familieninternen, kleinen, selbst erfundenen und ganz individuellen Rituale, die Kindern Halt geben und es ihnen ermöglichen ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Familie zu entwickeln. Das Kind erlebt sich dabei als Teil einer Gemeinschaft, entwickelt aber gleichzeitig ein Identitätsbewusstsein und eine Abgrenzung zu anderen Familien. Denn nur, wenn es weiß, wo es hingehört und sich dort völlig sicher fühlt, kann es auch in der noch unbekannten Welt bestehen!


Autorin: Iris Fischer

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