Traumarbeit - über die Beschäftigung mit Träumen abseits von Ratgeberliteratur
Ist es sinnvoll, sich mit Träumen zu beschäftigen, oder "defragmentieren" sie einfach nur die "Festplatte"? Über Sinn und Möglichkeiten aktiver Traumarbeit.
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Wenn manche Menschen behaupten, nicht zu träumen, dann können sie sich nur nicht an ihre Träume erinnern. Besonders während der sogenannten REM-Phasen (Rapid Eye Movements), die jede Nacht ein bis zwei Stunden dauern, träumt jeder Mensch und mancher wie im Film: in Multicolour mit Dolby Stereo. Unser Körper ist dabei fast bewegungslos, in unserem Inneren spielt es sich ab: Schlafforscher diagnostizieren über die Messung von Puls, Blutdruck, Atem und Gehirnfrequenz starke Erregungszustände. In den Phasen dazwischen träumen wir "flacher": in gedämpften Farben und mit weniger starken Emotionen.

"Defragmentieren" oder Reflektieren?

Ein Menschenleben ist zu kurz, um sich mit jedem Traum beschäftigen zu können. Aber es gibt Träume von visionärer Kraft. Träume, an die wir Tage danach noch denken, mit Gefühlen und Stimmungen, die uns wie eine Ahnung aus einer anderen Welt im wachen Alltag einholen.

Solche Träume genauer anzuschauen, lohnt sich. Sie können dabei helfen, mehr über sich selbst zu erfahren, Zugang zu inneren Kräften zu finden, blockierende Muster aufzulösen und das eigene Leben aktiv gestalten zu lernen. Dafür genügt allerdings kein Traumdeutungsbüchlein, es bedarf eines erfahrenen Therapeuten.

Wo die einen Träume als nicht nennenswerte Verarbeitung von "Alltagsmüll" abtun, beschäftigen sich andere akribisch mit dem Austritt der "Seele" aus dem Körper als Astral-Kreuzfahrt ins Nirwana. Doch zwischen dem beabsichtigten Verdrängen von Träumen und der überbordenden Traumanalyse finden sich sinnvolle Therapieansätze.

Freuds Traumdeutung

In der griechischen Antike betrachtete man Träume (oneiros) als göttliche oder dämonische Botschaften, mit Symbolen, die es zu deuten galt (Oneirologie). Bereits die Philosophen der Aufklärung zweifelten aber an der Rolle des Traumes als Botschaft aus einer "anderen Welt".

1899 systematisierte Freud in seiner "Traumdeutung" die Entstehung, Bedeutung und Deutung von Träumen, die für ihn eine wichtige Informationsquelle über das unbewusste Erleben des Menschen waren. Die Traumanalyse im Sinne einer "Entschlüsselung" der Träume führte für Freud zu Selbsterkenntnis sowie zu Diagnostik-Möglichkeiten der Psyche. Für die Traumanalyse waren die Assoziationen der Patienten maßgeblich.
Freuds Traumtheorie besagt, dass das Bewusstsein bestimmte psychische Inhalte verdrängen will. Doch das gelingt im Schlaf aufgrund der herabgesetzten kognitiven Hemmung nicht. So können sich ins Unbewusste verdrängte, meist triebhafte Inhalte in den Träumen gestalten und ins Bewusstsein vordringen.

Diese Inhalte des Unbewussten verbinden sich mit "Tagesresten" und Eindrücken aus dem Langzeitgedächtnis und "verdichten" sich zu Träumen. Jeder Traum stellt nach Freud einen Versuch des "Es" dar, seine Triebwünsche dem "Ich" bewusst zu machen - und das gegen die Bestrebungen des kontrollierenden "Über-Ich".

Das "kollektive Unbewusste"

Carl Gustav Jung verstand als ehemaliger Schüler Freuds den Traum als unmittelbare Manifestation der inneren Wirklichkeit der Träumenden. Freuds freie Assoziationen durch die Klienten als Schlüssel für das Traumverständnis hielt er für unzureichend zur Ergründung des Unbewussten. Jung prägte den Begriff des "kollektiven Unbewussten" - eine noch tiefere Bewusstseinsschicht als Freuds "Unbewusstes", aus dem alle Menschen unabhängig von ihrer Kultur nahezu identische Grundassoziationen gewinnen. In den seelischen "Urbildern" oder "Archetypen" stellen sich die Kräfte und Stationen auf dem Entwicklungsweg des Menschen dar - inklusive religiöser Symbolik, Märchen, Mythen und Sagen. Beispiele dafür sind der Tod, Animus und Anima, der Erlöser etc.

Jung praktizierte die Traumarbeit gemeinsam mit den Klienten durch Nachdenken, das Malen von Traumbildern und einen inneren Dialog mit den Figuren aus den Träumen, die, sobald sie eine eigene Stimme bekommen, oft Überraschendes offenbaren. Darüber hinaus zieht der Jungsche Analytiker seinen Katalog der Symbole zu Rate.

Perls Gestalttherapie

In der Traumarbeit des Begründers der Gestalttherapie Fritz Perls werden neben Dialogen mit den Traumfiguren auch die Emotionen und die physischen Reaktionen des Träumenden einbezogen.
Perls Annahme ist, dass jedem Menschen im Rahmen seiner Entwicklung Teile des Ich fremd geworden bzw. scheinbar abhanden gekommen sind - sie haben sich "abgespalten", weil er sie im Laufe seiner Sozialisierung verleugnen musste.

Diese "blinden Flecken" in der Persönlichkeit will man nicht wahrnehmen, weil sie die Konfrontation mit Schmerz bedeuten. Sie werden als Traumbilder oder -prozesse gelebt und auf Mitmenschen und die Umwelt projiziert.
Perls kommt zum Schluss, dass das Bewusstsein im Traum eine Projektionsfläche für die fremd gewordenen Persönlichkeitsaspekte ist. Deshalb ist der Traum mein ureigenes Produkt und jede Figur, jeder noch so unbedeutend scheinende Gegenstand, der mir im Traum erscheint, bin ich selbst.

Der Umgang mit Träumen ist bei Perls ganzheitliche Arbeit: In der Therapiesitzung spielt man den Traum mit all seinen Erscheinungen noch einmal durch, macht sich die Konflikte bewusst, holt die abgespaltenen Persönlichkeitsanteile zurück ins Bewusstsein und erfasst die eigene Identität. Ein steiniger Weg, der den Mut erfordert, sich den eigenen Abgründen zu stellen. Ein Prozess, der zu einem kreativen, lebendigen und reflektierten Leben führt.

Traumyoga

Eine völlig andere Möglichkeit für Traumarbeit ist das Traumyoga, bei dem man trainiert, während der Traumphasen einen wachen Bewusstseinszustand aufrecht zu erhalten. Ziel ist es, sich während des Träumens bewusst zu sein, dass man träumt. Die Geschehnisse im Traum gezielt lenken zu können, soll zu geistiger Klarheit und der aktiven Gestaltung unbewusster Prozesse führen. Am Ende steht die Erfahrung der "Buddhanatur": der wahren Natur des Geistes.

Der tantrische Buddhismus betrachtet die Realität als Illusion, die auch als "kollektiver Traum" bezeichnet wird. Die Praxis des luziden Träumens soll dazu verhelfen, diese Traumähnlichkeit des Selbst und aller weltlicher Phänomene zu erkennen - nicht zuletzt, um sich besser auf den Tod vorbereiten zu können, denn Träume sollen Parallelen zu den Vorgängen des Sterbens aufweisen.

Kontroversielle Hirnforschung

Die zeitgenössische Neurowissenschaft spaltet sich in zwei Lager: Die einen führen das Phänomen des Träumens auf neuronale und kognitive Prozesse des Gehirns zurück, im Rahmen derer unwichtige Tageserlebnisse und Prozesse gelöscht werden - was eine Deutung der Träume unnötig mache.

Die anderen interpretieren die erhobenen Daten im Sinne der psychoanalytischen Traumdeutung. Bereits bevor uns Gedanken, Gefühle oder Entscheidungen bewusst werden, steigt die Gehirnaktivität an. Die Neurowissenschafter setzen die gemessenen Gehirnprozesse mit dem Freudschen Unbewussten gleich, was einem Beweis für sein Modell der menschlichen Psyche gleichkommen soll.

In Österreich finden sich Anbieter verschiedener Formen der Traumarbeit - von Gestalttherapie über Traumyoga bis zur intuitiven Traumdeutung.
Einen Überblick bietet der Traum Online-Guide: http://dreamtalk.hypermart.net/international/austria_german.htm

Autorin: Mag.a Eva Tinsobin

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