Liebe in zweiter Instanz - Die Eleganz der Madame Michel
Was haben eine in die Jahre gekommene, griesgrämige Concierge und ein elfjähriges Mädchen aus bourgeoisem Hause gemeinsam – außer die gleiche Adresse? Mehr als die gemeine Kinobesucherin denken könnte:
Liebe in zweiter Instanz - Die Eleganz der Madame Michel
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In der Eleganz der Madame Michel zeichnet Regisseurin Mona Achache ein sehr einfühlsames Bild über zwei von der Welt enttäuschte Menschen, die, ohne es zu beabsichtigen, die Liebe zurück in ihr Leben lassen. Ein Film über Außenseiter, Freunde, Liebe, Tod und die Überwindung der eigenen Grenzen.

Renée, sehr glaubwürdig verkörpert von Josiane Balasko, fristet ihr Dasein als Hausmeisterin in einem Pariser Wohnhaus. Für deren reiche Bewohner der Luxusapartements entspricht sie mit ihrem griesgrämigen, distanzierten, etwas ungepflegtem Auftreten ganz dem Bild einer typischen Concierge. Kaum jemand weiß, dass sie die Daily Soap nur zum Schein einschaltet und hinter der immer verschlossenen Tür eine riesengroße Bibliothek versteckt, voll mit Klassikern aus der Literaturgeschichte. Als schlecht gelaunte Haushälterin getarnt, wird sie geduldet – und in Ruhe gelassen.

Ein Leben im Fischglas
Ruhe ist genau das, was Paloma (schön gespielt von Garance Le Guillermic), die elfjährige, hochbegabte Tochter einer medikamentenabhängigen Mutter und einem arbeitssüchtigem Vater, die ebenfalls Bewohnerin des Gebäudes ist, zuhause nie findet. Sie hat den schönen Schein des Reichtums satt und sehnt sich nach etwas anderem als dem Leben mit dem Horizont eines Fischglases, das ihre reiche Familie führt. Diese Sehnsucht geht soweit, dass Paloma beschließt, sich an ihrem zwölften Geburtstag Selbstmord zu begehen. Alles läuft ganz nach Plan, den sie, im Übrigen mit einer Super 8-Kamera ganz genau dokumentiert – doch dann zieht ein neuer Nachbar ein, der nicht nur Palomas, sondern auch Renées Leben für immer verändert und die beiden Seelenverwandten zusammen bringt.

Neue Möglichkeiten
Meist aus der Perspektive des hochintelligenten jungen Mädchens zeigt Die Eleganz der Madame Michel, wie sich dank des neuen geheimnisvollen Bewohners Kakuro Ozu (wie immer wunderbar: Togo Igawa) alle drei Außenseiter, die mit ihrem zugewiesenen Platz in der bourgeoisen Pariser Gesellschaft hadern, vorurteilsfrei begegnen, annähern, öffnen – und lieben lernen. Paloma, in ihrer Kritik und Ironie so amüsant und doch so weise, beginnt ihre endgültige Entscheidung zu hinterfragen und für Renée scheint plötzlich doch ein anderes Leben möglich...

Die Magie des Alltags
Mit ihrer Verfilmung von Muriel Barberys Die Eleganz des Igels (im Original heißen sowohl Film, als auch Buch einfach nur „Le Hérisson“ – der Igel, aber ein Kommentar über die Verunglimpfung der Filmtitel in den deutschen Übersetzungen generell würde den Rahmen dieser Kritik sprengen) hat die junge französische Regisseurin Mona Achache ein sehr schönes Debüt vorgelegt, das in vielen Momenten berührt oder sogar zu Tränen rührt und auch zum Nachdenken anregt – aber gleichzeitig sehr gefällig ist. In typischem Stil süßer, französischer Arthousefilme à la Amélie erzählt er von der Magie des Alltags, von den kleinen Dingen des Lebens, von der Liebe, die auf leisen Füßen kommt. Und genau diese Atmosphäre möchte der Film auch vermitteln – richtig aufgerüttelt wird man nämlich in keiner Szene. Mit der stimmigen Klaviermusik von Gabriel Yared, der mit seinen Kompositionen für Filme wie Der Englische Patient, City of Angels, Cold Mountain oder Der talentierte Mr. Ripley Preise gewonnen hat, erweckt der Film sehr hochemotionale Augenblicke im Zuschauersessel. Auf Achaches Nachfolgewerk, der Verfilmung von Elke Schmitters Frau Sanatorius, darf man schon gespannt sein.
 



Die Eleganz des Igels.
Frankreich 2009, 99 Minuten.
Regie: Mona Achache.
Mit: Josiane Balasko, Garance de Guillermic, Togo Igawa, Anne Brochet, Ariane Ascaride. Musik: Gabriel Yared.
Jetzt im Kino.


 

Autorin: Anne Wiedlack
 

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